BLOG Müller unterwegs

Hallo!
In diesem Blog werde ich von meinen Reiseaktivitäten berichten. Fast alle meine Reisen mache ich mit dem Rad. Wer wissen möchte was Müller in seiner Abwesenheit so erlebt, sollte hier immer mal wieder vorbei schauen.

Hallo!
in this blog I will write about my traveling activities. I am doing most of my journeys by bicycle. Maybe you want to be up to date, knowing what Müller is doing when not at home. So this is the right address to be up to date...

15.8. - Warum ist es am Rhein so laut?

Drei Tage habe ich jetzt um nach Hause zu kommen - 310 Kilometer Strecke warten auf mich. Das sollte in drei Tagen zu schaffen sein.
Morgens noch ein entspanntes Frühstück unter Freunden - so entspannt das ich mich so gegen 12 erst auf’s Rad setzte und aufbrach. Heute fahre ich bis 19:00 und gehe schön auf einen Campingplatz.
Taunus, das heisst: Steigungen. Aber da ich so irre gut im Training bin habe ich sie natürlich mit Leichtigkeit überwunden und schon bald kamen die ersten Zeichen das es Richtung Heimat geht - immer schön Richtung Köln halten. Heute gibt es Wege die parallel zur Autobahn verlaufen…

offensichtlich auf dem Weg nach Hause...


Nach knapp 30 Kilometern traf ich bei Mainz auf den Rhein - für die nächsten rund 200 Kilometer würde ich entlang diese Flusses fahren. Eine Mischung aus Wirtschaftswegen, Uferpromenaden und neu angelegten Radwegen bildet eine Strecke die den gesamten Rhein entlang führt. Die meiste Zeit völlig ohne Steigungen sehr angenehm zu fahren, was man auch an den zahlreichen anderen Radfahrern merkt. Manchmal gibt es ziemliches Gedrängel weil das Wetter natürlich auch die Spaziergänger raus lockt.

der zerstörte Brückenkopf der Hindenburgh-Brücke


Die Ruine der Hindenburg-Brücke bei Rüdesheim war ein Foto wert. Sie wurde am Ende des zweiten Weltkriegs von den Deutschen gesprengt um das Vorrücken der Alliierten zu behindern. Dies Brücke wurde nie wieder aufgebaut weil nach dem Krieg neue Strecken entstanden die sie überflüssig machen.
Bei Rüdesheim bin ich mit der Fähre ‚Mary Roos‘ auf die andere Seite übergesetzt da kann man mal sehen was aus Schlagersängerinnen im Alter noch so werden kann…

eine Schlagersängerin auf Abwegen :-)


Mein Weg endete für mich in Oberwesel auf dem Campingplatz ‚Schönburg-Blick‘. Wie sich herausstellen sollte, eine echt gute Wahl: Man bekommt einen Duschenschlüssel und kann dort so Duschen wie man möchte - keine Marken nötig. Es gibt dort auch Waschmaschine und Trockner. Neben der Rezeption ist ein Bier- oder Weingarten mit Restauration zu netten Preisen und der Platz ist direkt am Rheinufer. Es gibt, wie auf eigentlich allen Campingpätzen eine Ecke für die Zelturlauber und dort hatten sich auch schon einige Leute aufgebaut. Dort war ein Pavillion mit Seitenwänden als Windschutz und Bierzeltgarnituren aufgebaut in die man sogar eine Kabeltrommel gezogen hatte - es gab Strom und nette, wettergeschützte Sitzgelegenheiten. Das ist echt sehr zuvorkommend.
In den Zelten waren mehrheitlich nette, kontaktfreudige Leute - ich verbrachte einen unverhofft netten Abend in lGesellschaft zweier Frauen die auf dem Jakobsweg pilgerten und zweier Jungs die mit einem gebrauchte gekauften Tandem auf dem Weg zum Bodensee waren.
Nicht zu vergessen der klare Himmel mit fast unverbauter Sicht auf die Milchstraße - das hätte ich am Rhein jetzt nicht erwartet.

freie Sicht auf die Milchstraße - etwas verwackelt...


Was ich nicht unerwähnt lassen sollte: das Rheintal ist eine Verkehrsader - und was für Eine! Auf beiden Seiten des Flusses verlaufen Straßen und Bahnstrecken die natürlich, wie der Fluss selbst, auch die ganze Nacht recht end getaktet befahren werden. Nut den Grillen zu lauschen und in den Himmel zu schauen wäre irgendwie schöner gewesen. Ich empfehle für Übernachtungen im Rheintal unbedingt Ohrenstöpsel im Gepäck.

14.08. der Hundsrück und ich

interessante Ortsnamen

Es hat aufgehört zu regnen aber noch immer ist es geschlossen bewölkt Ich packe meine Sachen und das nasse Zelt ein und mache mich weiter auf den Weg. Bei irgendjemandem in dieser Ggend scheint der Gedanke sich fest gesetzt zu haben das grob geschotterte Waldwege der Untergund an sich für Radreisende sind. Die Reifen lassen sich nur schwer in der Spur halten da der Schotter sie immer wieder zur Zeit rutschen lässt. Dann gibt’s endlich wieder Teer unter die Reifen. Ich lerne die Orte Kinderbeuren und Bengel kennen - ob auch Pubertier und Adoleszenz auf meiner Strecke liegen?
Bei Alf-Fabrik (den Ort gibts wirklich) springt mir wieder Googles Liebe zu matschigen Waldwegen ins Auge - die Navigation versucht hier die Strecke abzukürzen den die reguläre Straße um den Berg herum nimmt. Da fahre ich doch lieber Straße - und komme schneller voran. Kurz an der Mosel entlang geht es bei Merl wieder eine Steigung hoch Richtung Rhein. Jetzt ist aber erst mal für eine gute Stunde Wadentraining am Hang - auch an dieser Straße versucht mich Google in den dunklen Wald zu locken. Da es da aber eine geschotterte Steigung hoch gehen soll auf der meine Reifen nicht greifen können bleibe ich auf der Straße. Sie führt mich nach vier Kilometern auf meine Strecke zurück - einer Strecke die dort aus einem verschlammten Waldweg kommt - das hätte ich schon mal richtig gemacht. Auf der windigen Höhe geht es weiter die Straße entlang. manchmal gibt es Radwege, meistens nicht. Es ist sonnig, aber der Wind bläst hier kalt. Ab Kastellaun gibt es einen Radweg auf einer alten Bahntrasse - keine spannenden Kurven, ausreichend breit und eine sanfte Steigung. Hier erwacht der schwer beladene Drahtesel zum leben und ich beginne, Kilometer zu machen.
Inzwischen ist mir aufgefallen das ich mein Handy anscheinend in Luxemburg habe liegen lassen - ich bewege mich im erholsamen Blackout - kann aber auch keinerlei Kontakt zu den Menschen aufnehmen die ich heute Abend treffen will. Daran wird sich hier auch erst mal nichts ändern…
Die Gemeinde Oberwesel hat sich was Nettes einfallen lassen - entlang der Radstrecke stehen Schilde die darauf aufmerksam machen das der Radweg so geschottert ist das man beim bremsen Probleme haben könnte. Wer sich bis hier hin noch nicht auf den Bart gelegt hat bracuht diese Schilder jetzt auch nicht mehr. Mir kommt eine Frau entgegen die auf ihrem Rad sitzt als würde sie über rohe Eier fahren - und ich glaub, bei mir sieht’s nicht besser aus. Eine lang gezogene Gefällestrecke gibt mir Gelegenheit alle Bremsen meines Rades auszuprobieren. Auf keinen Fall die Kontrolle über den Bock verlieren!
Plötzlich bin ich in Oberwesel. Es ist drei Uhr Nachmittags und ich überlege ob ich von hier aus bis in den Taunus weiter radeln soll oder ob ich aus Zeitgründen mit der Bahn fahren soll. In der Tourismusinformation gibt es freies Internet - Fahrpläne gecheckt und Kontakt zur Welt aufgenommen.
Patricia hat in Luxemburg neben dem Bett ein Ladekabel für iPhone gefunden aber der kleine Racker selbst wurde nicht gesichtet - sie will noch mal genauer schauen.
Es gibt einen komfortable Verbindung über Frankfurt nach Kelkheim - in nur zwei Stunden. Das ist bei zu erwartenden vier bis fünf Stunden Fahrzeit mit dem Rad eine attraktive Verbindung wenn man sich mal mit Menschen etwas länger unterhalten will.
Schnell die Menschheit informiert wann ich ankommen würde und am Bahnhof eine Fahrkarte gekauft. Es hätte alles so schön sein können, wenn nicht die Abteilung ‚Kundenverwirrung‘ kurz vor der Einfahrt des Zuges verkündete das er heute ausnahmsweise drei Gleise weiter abfahren würde. Zwischen mir und diesem Gleis liegen zwei Treppen und eine Unterführung - alles schön ohne Aufzüge oder Rolltreppen - das Barrierefreie ist hier noch nicht angekommen. Es reichte leider nur zum Taschen und Fahrrad runter tragen - da fuhr der Zug auch schon ab - schade eigentlich. Es gibt ja eine Folgeverbindung mit einmal mehr Umsteigen in Ingelheim. Die hatte aber herzhafte 30 Minuten Verspätung, was endgültig alle Verbindungen kaputt mache. Am Ende brauchte ich für den Weg nach Kelkheim fast so lange wie ich auch mit dem Rad gefahren währe…

 

13.08, Auf in den Taunus

13.08.
Das Geräusch von Regen auf dem Dach kann beruhigend sein - es kann aber auch unangenehme Ideen wach rufen - zum Beispiel die, das ich gleich durch eben diesen regen mit dem Rad meinen Weg fortsetzen werde.
Der Montag Morgen ist in Luxemburg bewölkt und nass. Die Wettervorhersage verspricht das die Regen zum frühen Mittag hin abklingen werden, auf meinem Weg werde ich heute aber immer wieder mit Nass von oben rechnen müssen.
Morgen Abend will ich bei einer Freundin im Taunus angekommen sein, also bleibt keine große Wahl.
Die Sachen gepackt und ans Rad geschnallt - heut kommt mir alles irgendwie schwerer vor als sonst.

Wolken über Luxemburg


Am Frühstückstisch finde ich noch ein paar Leute die von der Nacht übrig geblieben sind - Mailadressen erfragt um die Bilder des Workshops an die Menschen weiter zu leiten an die sich die Teilnehmer wenden werden um die Bilder zu bekommen.
Es gab noch ein paar andere Lebensformen von denen ich mich verabschieden konnte aber der Großteil war nach einer langen Nacht erst jetzt in die Betten gegangen.
Zu beginn der Fahrt ging es erst mal den Berg hoch - war ja klar! Aber ab da hin ging es nur bergab und bis zur Luxemburgischen Grenze schön flach am der Süre entlang. Hier, wie auch in Belgien gibt es viele Radwege und als Radfahrer hat man Vorfahrt. Es ist für jemanden der deutsche Verhältnisse gewohnt ist schon sehr irritierend wenn an Einmündungen und in ähnlichen Situationen ständig Autos auf einen warten. Man gewöhnt sich aber schnell daran - wahrscheinlich kommt an der deutschen Grenze das böse Erwachen auf mich zu.

Die alte Grenzstation bei Ralingen


Bei Ralingen überquerte ich den Fluss und die Grenze - und ab da ging’s dann auch bergauf. zwischen mir und meinem Ziel hat irgendjemand die Eifel hin geworfen, und die will jetzt überquert werden.
Mit mir am Berg will nicht so recht der Rausch der Geschwindigkeit aufkommen. Knapp eineinhalb Stunden dauert der Aufstieg auf 350 Meter. Immer schön am Rand einer Landstraße der nach ein paar Hundert Metern der Bürgersteig verloren ging. Genau so hatte ich mir meine Weg vorsgestellt. Zum Glück ist die Silhouette meines Gefährts so gewaltig das man es einfach wahr nehmen muss. Auf der Höhe angekommen bewegte ich mich auf einem mehr oder minder windigen Hochplateau mit lustigen Hügeln zu meiner Unterhaltung.

ein Orca im Wind

Am Asberg hatte sich Google bei der Routenführung ein Schmankerl überlegt - es gab keinen Weg mehr. Der hatte sich irgendwann in ein Gemüsefeld mit Hochsitz verwandelt - alles gut umzäunt, damit auch ja keine Porreestange ausreissen kann.
Ein Blick in die Karten zeigte mir das es ein paar hundert Meter weiter eine parallele Abzweigung gibt die auf meinen Weg führt - guten Mutes hin geradelt und keinen Weg gefunden. Nur einen Kante zwischen zwei Feldern wo anscheinend vor Kurzem ein Fahrzeug her gerollt ist. Sollte das mein Weg sein???
Mangels attraktiver Ausweich-Alternativen schob ich mit dem Rad zwischen den Feldern Richtung Wald. Tatsächlich mündete die Strecke auf einen Waldweg - allerdings auf einen der bestimmt schon sei Jahren nicht mehr genutzt wurde. Nur ein schmaler Trampelpfad war zwischen Laub und Aststücken zu erkennen. Ich lasse das Rad an einen Baum gelehnt stehen und laufe die Spur mit dem Navi ab. Der Pfad mündet auf eine Kreuzung die hier auch tatsächlich sein soll. Von hier aus führt ein nicht wesentlich häufiger genutzter Weg in dem Verlauf weiter wie ich ihn auch auf meiner Route nehmen soll. Ich wuchte den Orca über die Äste den Trampelpfad entlang. Ab der Kreuzung geht es bergab. Das Geröll auf dem Weg ist so grob das das Rad sich da nicht fahren lässt - aber ich kann mich rollen lassen.

Googels Liebe zu Trampelpfaden...

Von Verzweigung zu Verzweigung werden die Wege besser befahrbar bis ich nach vier Kilometern auf einen regulären Wirtschaftsweg gerate der in einer langen Gefällestrecke (natürlich mit Schlamm und reichlich lockerem Schotter) aus dem Wald heraus führt. Mit Ehrang erreiche ich einen Außenposten der Eifel-Zivilisation mit Edeka - endlich Nahrung bunkern.
Da ich heute später los gekommen bin als ich vor hatte werde ich fahren so lange das Tageslicht mit spielt. Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf - es beginnt zu regnen. Mal mehr, mal weniger - es sollte ja so kommen.

Regenbogen - Entschädigung für doofes Wetter


In der Nähe von Neuerburg wurde es dämmrig - An einem Waldrand fand ich ein flaches Stück fürs Zelt, Taschen rein und mich dazu. Heute gibt es Käsebrote. Der große Klassiker: passt gut in die Tupperdose und hat sich in den vergangenen Tagen bei allen Temperaturen bewährt. Während ich Esse grunzt jemand draußen vor dem Eingang - ich bin hier nicht allein. Während ich mir trockene Wäsche anziehe und in meinen Schlafsack krieche schnüffelt jemand an meinem Zelt. Mal sehen wer mich noch heute Nacht besucht…

11. und 12. August - Rocking Beaufort

Es ist also das Wochenende 11. und 12. August, ich bin in Beaufort und habe gerade deutliche Probleme, mich von meiner Matratze zu lösen. So’n richtiges Bett ist halt doch ne gefährliche Sache.
Aber um eins ruft der Workshop und ich bin richtig gespannt  - oder sollte ich sagen: verängstigt? - was sich bis da hin an Materialien zusammengefunden hat und ob das überhaupt zusammen funktioniert.
Nach dem Frühstück in lustiger Runde brachen wir auf. Einer der Mitarbeiter des ‚Flying Dutchman‘ machte mir auf - und es war gut das er da war denn die gespendeten Kabel wollten nicht zum Rechner passen und auch der Beamer wollte, obwohl eine USB-Buchse vorhanden war, nicht den USB-Stick mit den Bildern sehen. Es handelte sich tatsächlich um eine Anschlussdose zur ausschließlichen Stromversorgung von was auch immer…
Dank der unendlichen Geduld und Hilfsbereitschaft des Diskotheken-Menschen endete ich mit einem Beamer der an den Computer der Disko angeschlossen war und so um drei Ecken , Kabeln und allerlei anderen Sachen das Werkzeug zur Improvisation gaben - ohne das alles hätte ich’s nicht gewuppt bekommen.
Ein bisschen schade: die Besucher des Festivals steuern die Burg von Beaufort an. Mein Workshop ist aber in dieser Disco, etwa einen Kilometer entfernt. Dort sind zwar um die Ecke in der alten Schmiede und der Distille des Ortes noch Kunst und Künstler versteckt, dort müssen aber die Leute erst mal hin - so richtig aus Versehen kommt man bei uns wohl nicht vorbei.
So hatte ich am ersten Nachmittag nur ein Pärchen dem ich die Technik der Projektionsbilder in aller Ruhe erklären konnte. Sie hatten eine eigene Kamera mit und wollten nicht das die Bilder auf meiner Seite oder bei Facebook veröffentlicht werden - so gibt es nur Fotos vom Sonntag Nachmittag, wo sich bei mir erheblich mehr Leute tummelten. Schade, das sie sich nicht über beide Tage verteilten, aber das ist dann eben so.Ich bin mir sicher das es trotzdem allen Spaß gemacht hat und sie mit den Ergebnissen zufrieden sind.


Wer von Euch mal am Wochenende in Beaufort ist, sollte unbedingt einen Besuch im ‚Flying Dutchman‘ einplanen. Das ist eine Disko, die seit den frühen achtziger Jahren weder die Dekoration, noch die Gäste, noch die Freundlichkeit verändert hat.
Außerhalb meines Wochenendes habe ich mir natürlich die Beiträge der anderen Künstler angesehen. Schade, das ich nicht alles sehen konnte. Es waren einige, mir als sehr hochkarätig bekannte Personen dabei - zum Beispiel Désiré Nosbusch in einem Theaterstück mit Musikbegleitung. Und wen ich noch nicht kannte, der entpuppte sich als nicht minder sehenswert.
Ich bin ein bisschen traurig das ich nicht noch länger bleiben konnte, aber mein Timing sitzt mir dieses mal ziemlich im Nacken so das ich Montag bereits die Rückreise antreten muss.

 

 

10. August - auf nach Eppeldorf

So ne Jugendherberge hat schon was Feines - Morgens noch nett ans Frühstücksbuffet und dann die Klamotten gepackt, Fahrrad aus dem Abstellraum geholt und auf den Weg gemacht.
Ziemlich auffällig: es gibt hier Steigungen - Luxemburg scheint ein eher gebirgiges Land zu sein. Es gibt immer wieder schmale Talpassagen in denen die Bahn das dominierende Verkehrsmittel ist.

die Bahn - das dominante Verkehrsmittel Luxemburgs...

Geradezu im Minutentakt fahren Güter- und Personenzüge an mir vorbei während ich den Weg nach Eppeldorf mache. Dort habe ich für mein Wochenende auf dem Festival eine Schlaf- und Anlaufstelle.
Es sollte sich herausstellen das die Idee, mit dem Zug bis Luxemburg Stadt zu fahren etwas ungeschickt war, weil ich gut meine Halbe Strecke jetzt an den Bahnhöfen vorbei komme durch die ich Gestern gefahren bin. Den Weg hätte ich mir auch sparen können. Immerhin ist die Landschaft schön.


Am frühen Nachmittag trudelte ich mit meinem Rad auf dem Hof von Patricia Huperti-Lippert ein, einer der Organisatoren des Festival de Beaufort. Ich hatte kaum mein Rad abgeladen, da ging auch für mich das Organisieren los. Das Paket mit dem für den Workshop benötigten Material war nicht angekommen. Ich hatte es am tag vor meiner Abreise nach Amsterdam aufgegeben. Zwei Wochen sind anscheinend zu kurz um etwas nach Luxemburg zu bringen. Trackingcode gecheckt - das Paket ist bisher nur im Paketshop registriert worden - mehr nicht! Ein Anruf bei DHL ergab die wenig Freude stiftende Auskunft das es dann wohl verschollen sei - ich möge eine Reklamation schreiben und dann werde man schauen. Wenig Hilfreich wenn man mit dem Inhalt eines Pakets einen Workshop bestreiten muss.
Jetzt ist Improvisieren angesagt. irgendwie müssen Materialien zusammen geklaubt werden mit denen sich die Projektionen bewerkstelligen lassen. Ich kann mich nur über die Welle an Hilfsbereitschaft und Ideenreichtum freuen - es sieht so aus als wenn ich mit viel Frickelei den Workshop geregelt bekomme.
Aber erst mal mache ich einen Ausflug zum Festival, besuche meine Arbeit in der alten Brennerei in Beaufort und werfe einen Blick durch das Fenster des ‚Flying Dutchman‘, der Diskothek in der Morgen der Workshop stattfinden soll.


Dann ging’s erst mal auf’s Festival, rum gucken...

 

 

Dienstag, 7. August -Donnerstag, 9. August - der Weg nach Lüttich

Dienstag, 7. August -Donnerstag, 9. August

Ich liege hinter meiner Strecke zurück und muss mich so langsam mal sputen um rechtzeitig zum Wochenende in Luxemburg zu sein. Also: mindestens 120 bis 130 Kilometer pro Tag.
Ich entschied mich zum Tuning mit Zucker und kaufte mir im Ort im Supermarkt nicht nur Proviant sondern auch ne Flasche Orangenlimo - die wurde im Verhältnis 1:1 mit dem Wasser in der Trinkflasche gemischt damit sich mein Körper weniger damit beschäftigen muss, in den eigenen Vorräten nach Energie zu suchen.
Doof halt nur, das diese Limo nicht nur ohne Kohlensäure (toll!) war sondern anscheinend auch ohne Zucker! Der erste Schluck aus dem Trinkschlauch spülte mir den deutlicher Geschmack von Aspartam in den Mund - damit werden meine Beinchen bestimmt nicht schneller :-/
Zum Glück gab’s noch das in der Hitze der letzten Tage zu einem Klotz verbackene englische Konfekt - da habe ich mir von Zeit zu Zeit was raus gepult um auf diese Art Zucker zuzuführen. Das Konzept hat dann auch funktioniert, wenn auch Orange und Lakritz nicht wirklich gut zusammen passen will…
Mein erstes Etappenziel, Rotterdam, erreichte ich am frühen Mittag.  Im Vorfeld gab es viel Bilderbuchansichten. Die Stadt selbst lag in brütender Hitze. Der Unterschied zwischen Baumbepflanzung und purem Beton war sehr deutlich zu bemerken: es war eine Frage zwischen ‚demnächst Schmelzen‘ und ‚sofort Verdampfen‘. Mein aktueller Verbrauch liegt bei 3 Litern Flüssigkeit auf 40 Kilometer.


Mein Weg durch Rotterdam sollte mich in den Randbezirken betont parallel zu Autobahnen und Ausfallstraßen führen. Besonders beeindruckend fand ich die verschlungenen Wege die mich entlang der Straßen über die Autobahnkreuze führen sollten.
Inzwischen bin ich auf die zweite Wasserflasche umgestiegen - da klappts auch mit dem Lakritzen besser.
heute gab es keine Fotoziele. ich setzte mir, das ich auf jeden Fall erst um 19:00 nach einem Campingplatz suchen werde.
Das sollte mich zu Camping Menmerhoeve bringen. Hätte ich nicht im Internet nach einem Campingplatz gesucht, hätte ich das Ding nicht gefunden. So wirklich offensive Werbung machen die Plätze hier in der Gegend nicht - noch nicht mal wenn man direkt davor steht! Hier handelt es sich um einen Bauernhof mit Restauration und angeschlossenem Campingplatz für Wohnwagen und Zelte. Alles da was man von einem Campingplatz erwarten kann und super freundliche Betreiber.

home, sweet home...


Ich war froh als mein Zelt stand und ich mich unter die Dusche schieben konnte. Danach habe ich mir Nudeln gekocht, bei der Hitze aber überhaupt keinen Hunger auf irgendetwas. Vielleicht schmecken sie mir ja morgen…

Auf dem Weg zur Nudel


Ich scheuchte die Fliegen aus dem Zelt und legte mich Schlafen. Die heutige Tagesleistung: 120 Kilometer.

In der Nacht wurde ich vom Donnergrollen wach. Draußen war’s stürmisch geworden und Blitze ließen die Wolkendecke gespenstisch Flackern. Ich schloss die äußere Zelthaut damit’s wasserdicht wird und legte mich wieder pennen - so gut wie das eben in einem anschwellenden Gewitter mit ordentlich Starkregen funktionieren kann. Das Zelt hielt dicht während Draußen alles unternommen wurde um die Welt untergehen zu lassen. Die Temperatur fiel sehr schnell, so das mit einem mal ‚im Schlafsack‘ zu einer interessanten Idee wurde.
Morgens war das Gewitter vorbei und das Zelt war von Tauben nach allen Regeln der Kunst zugeschissen worden. Vor dem Einpacken durfte ich es ordentlich Schütteln um das Zeug einigermaßen ab zu bekommen.
Bis zur Abrechnung um neun war noch etwas zeit. ich setzte mich mit meinem Frühstück ins Restaurant und schrieb ein paar Postkarten, Noch war ich ja in den Niederlanden und es gab noch einiges an gekauften Briefmarken zu verbrauchen.
Der Himmel war immer noch bewölkt, es war sehr Windig und kühl. Das erste mal das ich meine Jacke raus suchte.
Im nächsten Ort fand ich einen Briefkasten. Wie sich herausstellen sollte, der letzte vor der Belgischen Grenze. Mit lustig Gegenwind ackerte ich mich mit durchschnittlichen zehn Stundenkilometern nach Belgien zu meinem ersten Ziel.Das sollte dann auch gleich die erste Enttäuschung sein: Auf dem Gelände befindet sich jetzt eine Reha-Klinik und das verlassene Schloss wird gerade fleissig abgerissen - doofe Sache, da bin ich wohl zu spät.
Vielleicht schaffe ich es ja heute noch zu meinem zweiten Ziel. Nach einer kurzen Frustrationspause setzte ich mich wieder in den Sattel und trat ordentlich in die Pedale. In einem Supermarkt besorgte ich mir ne ‚richtige‘ Limonade und gab dann ordentlich Kniegas.

Bis Antwerpen gab's noch Gegenwind, dann änderte sich meine Bewegungsrichtung so das ich den Wind im Rücken hatte und die Strecke führte lange Zeit entlang eines Kanals. Traumhafte Geschwindigkeiten waren das Ergebnis - und eine echt gute Stimmung bei mir.
Noch bei gutem Tageslicht erreichte ich Leuwen. Dort soll auf einem Rangiergleis der sogenannte Orientexpress stehen. Das Gelände war menschenleer aber der Zug war tatsächlich da. Obwohl, Zug ist wahrscheinlich schamlos übertrieben - es handelt sich um einen Waggon: Steuerkopf und ein Grossraumabteil mit üppig gepolsterten Sitzen - jetzt allerdings aufgeplatzt und vor sich hin rottend - wie leider auch der gesamte restliche Wagen. Es wurde ordentlich Scheiben eingeschmissen und randaliert. Von der ehemaligen Pracht dieses wirklich schön designten Triebwagens war nur noch eine rostig-verbeulte Ahnung übrig.


Ich machte das Beste aus der Situation und suchte mir danach einen Campinglatz in der Nähe. als ich kurz vor acht dort ankam sollte sich der Platz als reiner Trailerpark herausstellen. Die Betreiberin ließ sich aber beknien das ich auf einer freien Parzelle für eine Nacht mein Zelt aufstellen konnte. Leider kein funktionierendes Waschhaus aber ich fühlte mich besser als irgendwo in den Büschen. Tagesstrecke: 117 Kilometer.

8.August: Heute soll es nach Lüttich und darüber hinaus gehen.

Für heute war Regen angekündigt der zuverlässig eine Stunde nach Aufbruch auch einsetzte. Erst als Nieselregen mit kleinen Pausen, gegen Mittag dann auch gern mal als Wolkenbruch mit anschließendem Landregen. So richtig Spaß macht das nicht. Wenn ich nicht am Wochenende feste Termine hätte würde ich mir einen Campingplatz suchen und mich in meinem Schlafsack verkriechen.
Aber so ging es weiter. Die Wolkenbrüche verbrachte ich in glücklicherweise gefundenen Hauseinfahrten oder Bushaltestellen. Mein führte mich durch ein großes Obstanbaugebiet.
Mit zwei Stunden Zeitverlust trudelte ich in Lüttich ein. Die Stadt liegt am ende einer ziemlichen Gefällestrecke und hat so gar nicht viel von Fahrradfreundlichkeit. Bei den meisten Straßen sind keine Radspuren markiert und auf den Bürgersteigen geht’s auch nicht. Also. Abenteuer im Feierabendverkehr!


Das Navi hat im lauf des Tages die Wegmarken aus seiner Erinnerung gelöscht. Wo sind denn jetzt meine Ziele in der Stadt. Zum Glück weiss ich ungefähr wie die Gegend dort aussehen soll.
Lüttich sollte sich als Reinfall herausstellen - um das unterirdische Bahndepot zu betreten hätte man sich eine Brechstange und Dunkelheit mit bringen müssen und das alte Kino im Stil der Sechziger wurde gerade abgerissen - heute gibt es Frustrationsmomente - und schlechtes Wetter in rauen Mengen. Ich entschloss mich zum Schummeln und verfrachtete mich und mein Rad in den Zug nach Luxemburg. Immerhin muss ich morgen in Eppeldorf eintreffen - Samstag und Sonntag ist Workshop angesagt. Der Bahnhof ist ein echter Repräsentanzbau - steht im krassen Gegensatz zu den abgewirtschafteten Zügen der Belgischen Bahn und zu der in der Stadt deutlich wahrnehmbaren Armut.
Fahrradmitnahme und Buchung war kein Problem - man muss dazu bereit sein, sich und sein Rad eine Einstiegstreppe hoch zu werfen - das mit dem Bahnsteig auf Höhe der Zugtür war jetzt nicht so… Die knapp zweieinhalbstündige Zugfahrt führte mich durch reichlich schlechtes Wetter. In Luxemburg Stadt kam ich um halb elf an einen recht verwaisten Hauptbahnhof an. Wer dort noch unterwegs war hatte es eilig zu seinem Zug zu kommen oder beschäftigte sich mit Drogenverkauf - eigentümlicherweise sahen diese Leute genau so aus wie die Zuhause in Dortmund - ob man die für mich Luxemburg verfrachtet hat damit ich mich etwas heimischer fühle?
Egal - jetzt gab es nur noch ein Ziel: die Jugendherberge und dort ins Bett!

Montag, 6. August - Ijmuiden-Sandfort-Nordwijk

Heute also der zweite Versuch, Ijmuiden zu erreichen.
…und gleich wieder ganz toll gescheitert. Meine Hosts waren schon in ihr Leben aufgebrochen und ich war so dämlich, die Schlüssel für die Wohnung in den Briefkasten zu werfen bevor ich alles Gepäck zusammen hatte. Da stand ich nun doof vor der Tür und konnte erst mal schön warten bis André von seinem Auftrag zurück kam und mich an den Rest des Gepäcks lassen konnte. So bin ich dann auch erst um kurz nach 12 auf die Straße gekommen.
Trotzdem habe ich dann erst den Schlenker zur Küste gemacht - und es hat sich gelohnt selbst wenn das eigentliche Bunkermuseum nur jeweils am ersten Sonntag eines jeden Monats offen hat. In den Dünen um die Flussmündung bei Ijmuiden liegt ein Bunker neben dem anderen - sie sind teilweise frei zugänglich und liegen zueinander als hätte ein Architekt mit eigenartigem Geschmack dort eine Wohnsiedlung anzulegen versucht.


Diese Anlage ist dort seinerzeit zur Verteidigung der Flussmündung und der Schleusenanlage gebaut worden. Aktuell werden die Schleusen erweitert und umgebaut - die Schiffe sind inzwischen zu groß geworden. An der Flussmündung liegt auch die Stahlproduktion der Niederlande - jetzt im Besitz von TATA-Steel.

Einfamilienwohnungen der dreissiger Jahre...


Mit dem versauten Timing war nicht mehr daran zu denken das ich heute bis Rotterdam kommen könnte - ich setzte mir das Ziel, bis 19:00 einen Campingplatz zu erreichen. Der Weg führte die Küste entlang durch ein Dünen-Naturschutzgebiet mit toller Landschaft.
Ich kam auch durch Sandfort, das zu der Jahreszeit aus allen Nähten platzte - die SUV’s konnten sich kaum in den kleinen Straßen bewegen und die Strandpromenade platzte geradezu von Menschen - nichts, wie weg hier!
Heute endete die Strecke für mich in der Nähe von Nordwijk.

 

2.7.: Utrecht-Sandfort-Haarlem-Amsterdam

In einem Scaterpark zu übernachten der auch noch einen Durchgangsweg beinhaltet bedeutet gewisse Risiken. Zum Beispiel das sich Holländer auf dem Heimweg in dem Park unbeobachtet fühlen und daher gern und laut falsch singen - zum Beispiel diese Nacht.
Und das es eben eine Scateranlage gibt die bis Mitternacht beleuchtet ist - was dann auch schon mal heißen kann das da jemand um halb zwölf noch schnell ein wenig auf dem Board in der Halfpipe entspannt - ich wusste zuerst das ‚Klock-Klock‘ überhaupt nicht zuzuordnen als ich davon was wurde. Ich dachte erst an einen Kühl-LKW dessen Tür fortwährend geöffnet und geschlossen wird.

Trügerische Idylle im Grünen...

Trügerische Idylle im Grünen...


Und dann scheint es auch so zu sein das die LKW-Fahrer in den Niederlanden, durch das flache Land verwöhnt, doch eher den Schaltbedarf an einer Autobahnaufahrt mit Steigung unterschätzen. Da wird dann gern erst mal der Motor so derartig in die Untertourigkeit geritten das er fast absäuft und dann hektisch durch die Gänge geschaltet um zum Abschluss mit heulendem Diesel den ‚Berg‘ zu meistern. Fünf Kandidaten für diese Technik habe ich heute Nacht entdeckt.
Als ich Morgens durch auf das Zelt herunterprasselnde Zweige erwachte weil eine Taube bei der Landung im Baum über mir die halbe Krone zerstörte fühlte ich mich ein bisschen knittrig. Das nächste mal versuche ich eine wilde Übernachtung auf einem Friedhof - da ist es wenigstens ruhig…
Die Plünnen und das Zelt eingepackt und auf der Bank bei der Halfpipe Stullen und heissen Tee aus der Thermoskanne gefrühstückt. dann ging’s los zum Wasserlinienmuseum bei Bunnik.
Es handelt sich um eines von vielen Forts die in den Niederlanden zur passiven Verteidigung des Landes gebaut wurden. Diese Bauten dienten dazu das Land kontrolliert zu fluten wenn ein Feind kommt. Knietief sollte das Wasser stehen - zu flach um darin mit einem Boot fahren zu können aber tief genug um im Schlamm stecken zu bleiben und in den dann unsichtbaren Wassergräben zu ersaufen. Anwendung fand diese Technik beim Angriff Napoleons auf die Niederlande. Er wurde erfolgreich aufgehalten. Allerdings hatte man nicht damit gerechnet das er bis zum Winter bleibt, dann alles gefriert und man über das eins laufen kann. Die Soldaten versuchten zwar noch durch Aufsägen der Einsflächen das eindringen der Armee zu verhindern aber es sollte nicht funktionieren.
Im ersten Weltkrieg reichte beim Feind Deutschland das bloße Wissen um die Wirkung dieser Technik um das zu dem zeitpunkt neutrale Land vor einem Überfall zu bewahren. Damals hieß es: ‚die Technik zur Überflutung des Landes ist unsichtbar‘.
Im zweiten Weltkrieg hat das mit den Forts nicht geklappt - die Zeit hatte die Technik überholt. Oder besser: Die Deutschen kamen mit Autos und Flugzeugen - viel zu schnell um vorher noch eben das Land mit Wasser voll laufen zu lassen.
Als sich das Ende des Krieges abzeichnete machte sich die abziehende Wehrmacht allerdings die Technik selbst zu Nutze und setzte das Land unter Wasser - der Invasion ließ sich dadurch nicht aufhalten aber die damals ohnehin sehr arme Bevölkerung der ländlichen Gebiete verlor durch die Flutung quasi ihre komplette Existenz  - wie auch schon bei den Flutungen der Vergangenheit. Diese passive Verteidigung forderte auch ohne Krieg enorm hohe Opfer und war daher bei den ‚Anwohnern‘ nicht beliebt.


Das Museum ist didaktisch unterhaltsam gestaltet - ein König aus Filz und andere Protagonisten der Geschichte erzählen und multimedial was es mit den Forts auf sich hat und es gibt neben anderen informativen Exponaten auch richtige Zeitzeigenaufnahmen die von den Flutungen berichten - das war sehr berührend.
Heute ist diese Technik eindeutig Geschichte - aber dadurch das bis in die siebziger Jahre ein Gesetz verbot das man näher als einen Kilometer an die Forts heran baut sind sie in dem intensiv genutzten Land jetzt wertvolle Naturzonen.
Ich machte mich weiter auf den Weg nach Amsterdam - da ich vorher noch Bunker bei Ijmuiden besuchen wollte machte ich den direkten Weg an die Küste - der Weg folgte dem alten Rhein - ein toller Radweg durch noch viel schönere Landschaft. Entlang des sehr ruhigen Gewässers ist alles sehr schön bebaut und macht einen verschlafenen Eindruck. Der Radweg verläuft die meiste Zeit direkt am Wasser.

Der Radweg am alten Rhein


Mit der Ankunft an der Küste war dann die Beschaulichkeit vorbei - Touristisch, eben. Ich wollte einem Weg die Küste entlang nach Norden folgen, aber die eine oder andere Baumaßnahme sollte mich zum Ausweichen zwingen. Mein Weg führte mich immer mehr ins Landesinnere Richtung Amsterdam bzw. von den Bunkern weg. Es wurde zunehmend später so das ich meinen Plan entnervt verwarf und direkt zu André und Marcels Wohnung fuhr - dieser Reiseabschnitt sollte hier erst mal ein Ende finden.

Nijmwegen-Druten-Culemborg-Vianen: wie man nicht gesehen wird

Was man in der ersten Nacht einer Radreise träumt sol ja in Erfüllung gehen - oder Einen wenigstens auf den Boden der Tatsachen zurück holen, was mobiles Leben so bedeutet.

So hat man zum Beispiel keine Sachen dabei die man vor der Fahrt nicht eingepackt hat - also auch nicht das dringend benötigte Netzteil für den Laptop - dringend benötigt für den Kontakt mit der restlichen Welt und vor allem für die Workshops in Beaufort. Da wurde erst mal die heimische Freundestruktur aktiviert damit ich in Amsterdam mit der Stromversorgung zusammen finde. Bis da hin wird dann man schön Energie gespart...

Was ich auch immer wieder vergesse ist das ich auf solchen reise natürlich nicht allein bin auch wenn ich die Fahrt alleine mache. Höchst irritierend in der Nacht auf einem Naturcampingplatz von der leisen Geräuschkulisse eine RTL-Fernsehsendung geweckt zu werden. Mein Nachbar hat in seinem Wohnmobil so seine Strategien, mit Schlaflosigkeit umzugehen - und ich hätte gerne Ohrenstöpsel gehabt. Auch hatte der Wald großes Interesse an dem Neuzugang auf der Wiese. ich bin zwei mal erwacht weil jemand an meinem Zelt geschnüffelt hat und morgens wurde ich wach weil ein Vogel am Reissverschluß des Eingangs zupfte, Na, scheu sind die Freunde aus dem Wald auf keine Fall...

War ja eh Zeit zum Aufbrechen - also: Sachen zusammen gepackt, gefrühstückt und die Wasservorräte an der Zapfstelle aufgefüllt. Müller braucht auf 100 Kilometer bei den aktuellen Temperaturen mindestens zehn Liter Wasser.

Meine erste Etappe für heute: Nijmwegen. Zwischen Goesbeck und Nijmwegen gibt es einen alte Bahnstrecke auf der man mit einer Draisine fahren kann. Sie verläuft direkt neben dem Radweg und endet in Nijmwegen.

Die Stadt war eigentlich nur ein Zwischenziel, es fand sich dort aber von mir unerwartet ein Kanadischer Soldatenfriedhof, dem ich einen Besuch abstattete. Die dort begrabenen Soldaten sind alle bei der Invasion 1945 gestorben.

Der kanadische Soldatenfriedhof bei Nijmwegen

Was mich an der Anlage berührt hat ist das die Gräber immer noch sehr gut gepflegt sind und dort viele unterschiedliche Blumen angepflanzt sind. es gibt nach über 70 Jahren noch immer Angehörige die diesen Ort besuchen und dort Andenken hinterlassen

Über einen Radweg, der bezeichnenderweise den Namen 'die Berge rauf und runter' trug ging es weiter Richtung Culemborg. das Wetter war warm und trocken. Der Trinkschlauch war kurz davor in meinem Mundwinkel fest zu wachsen.

 

Kühe beim Sonnenbad am Rheinufer

Das nächste Etappenziel ist der Bunker 599 in Riedfeld - einer von vielen Bauwerken die an strategischen Punkten der Niederlande angelegt wurde. Sie liegen normalerweise als Betonbrocken in der Landschaft und ihre Funktion ist nicht unbedingt auf den ersten Blick klar. Dieser Bunker ist durch das Architekturbüro Raaaf bearbeitet worden. Sie haben ihn aufgesägt so das man förmlich hindurch gehen kann.

Bunker 599

Die glatte Oberfläche der Schnittkanten steht in einem phantastischen Kontrast zu der rauhen Außenhaut den Klotzes bei dem nun sichtbar ist wie eng und eingeschlossen man darin gewesen sein muss. Nun führt eine Treppe den Deich hinunter durch den Bunker hindurch auf einen Steg ins Wasser, was dem ganzen einen monotitisch-kultischen Charakter gibt.

Es war schon recht spät als ich an diesem Ort an kam und ich machte mich danach auf die aussichtslose Suche nach einem Schlafplatz.  Weit und breit kein Campingplatz in Sicht. Das Wasser wurde knapp und es wurde immer abendlicher. In der Nähe von Vianen konnte ich bei einem Restaurant meine Flaschen auffüllen und entschloss mich dann in einem kleinen Scaterpark, nostalgisch zwischen einen Industriegebiet und einer Autobahnauffahrt meine Zelt aufzuschlagen weil sich dort tatsächlich ein Plätzchen fand das nicht von der Straße aus einsehbar war.

wie man nicht gesehen wird...

31.07.'18 - Man muss sich auch mal von was Trennen können...

Einen Tag später als geplant ging es los auf die Tour - das ORCA war schon ganz unruhig. Voll beladen und aufgebockt stand es im Studio und scharrte mit den Hufen.

Jetzt will das ORCA aber los...

Kurz vor acht schoben wir auf die Straße. Die Sonne war auch schon am Start. Zuerst ging es den Kanal entlang nach Henrichchenburg - ein vertrauter Weg. Hier zeigte sich dann auch das Motto des Tages: 'sonderbare Überraschungen'

Zuerst der große Klassiker: das Navi will nicht. Keine Satteliten zu finden - nirgends - keine - nein! Für seine Morgenmuffeligkeit bekannt habe ich es mehrfach neu gestartet, aber nein, das GPS-Netzwerk war über Nacht geschlossen abgeschaltet worden. Das konnte nun wirklich nicht sein - also: was hatte sich seit der letzten erfolgreichen Benutzung geändert? Irgendwann kam ich drauf - in Vorbereitung dieser Reise hatte ich nicht benötigte Anschlüsse auf der Rückseite des Geräts mit Silikon versiegelt da die Original-Verschlusskappe abhanden gekommen war und ich befürchtete das dort Wasser eindringen könnte. So auch die Buchse für den externen Antennenanschluß. Sollte das Silikon etwa elektrisch leitend sein und die Antenne kurz schließen?

Kurzer technischer Stop und mit einem Schraubendreher und Wattestäbchen das Silikon aus der Antennenbuchse gepult. Plötzlich waren auch die Satteliten wieder da - meine Position wirde auf drei Meter genau mitten im Kanal angezeigt. Offensichtlich hat dieses Navi nautische Fähigkeiten...

Zweites Rätsel: ich fahre entlang des Kanals und der Tacho hat es gemerkt und sich aktiviert - aber die angezeigte Geschwindigkeit ist genau Null, egal wie schnell ich fahre. Was war da los? Ich brauche doch dringend meine aktuelle Geschwindigkeit um angemessen frustriert über meine Langsamkeit zu sein... Wie sich heraus stellen sollte hatte ich beim Rücksetzten des Kilometerstands auch gleich den Umfang meines Voderrads auf Null gesetzt. Deswegen fuhr ich auch keine Geschwindigkeit. Aber wie war noch mal die Tastenkombination um das einzustellen und welchem Umfang hat verdammt noch mal mein Vorderrad. Da hatte ich erst mal was zu Nachdenken...

Mein Weg führte mich durch verschieden bepflanzte Felder, es ist erschreckend zu sehen in welchem Zustand die Pflanzen sind - der Mais ist nicht höher als einen Meter und versucht bereits in dieser Größe irgendwie noch einen Frucht bilden. Über große Strecken ist alles trocken gefallen und die Bäume haben bereits auf Herbst umgeschaltet - überall liegen trockene Blätter herum.

Kurz vor Wesel gab es die nächste Überraschung - mich hatte schon eine Weile ein sonderbares Quietschen irritiert dessen Ursprung ich mir nicht erklären konnte. Die Lenkung wurde zunehmend schwammiger - das konnte nicht allein von den Tasche an der Vordergabel liegen. Ich unterzog die Lenkung einer genaueren Überprüfung: die Achse des Vorderrads war gebrochen. Na Toll! Neun Kilometer bis zum nächsten Fahrradgeschäft. Ich versuchte so langsam wie möglich weiter zu fahren - mit mäßigem Erfolg. Die Geräusche wurden immer schlimmer und es fühlte sich an als wenn ich mit angezogener Handbremse fahren würde. Knappe zwei Kilometer vom rettenden Fahrradhändler hatte sich das Vorderrad so verklemmt das es nicht mehr zu fahren war - genau vor einem Haus mit Garten. Hinter dem Zaun ein Hund der interessiert dabei zusah wie ich die Reste meines Gefährts auf dem Hinterrad in die Einfahrt balancierte. Keine Klingel am Gartentor, aber an der offenen Haustür. Ob mich der Hund wohl rein lässt? Ich redete freundlich mit ihm und tatsächlich durfte ich das Tor öffnen und mich weiter freundlich redend auf die Haustür zu zu bewegen. Von drinnen kam eine zweiter Hund - aufgeregt wedelnd - ich redete auch mit ihm freundlich. Bis zur Treppe schaffte ich es. Dann Drückte mir Hund zwei seine Nase in den Schritt und knurrte - leider waren meine Arme zu kurz um von hier aus an die Klingel zu kommen. Also probierte ich es mit Rufen - tatsächlich kam jemand aus dem Haus - und der Mensch war gern bereit mich für meinen Einkauf zum Radhändler zu fahren - eine tolle Sache bei der Hitze. Der Rest ging dann ganz schnell - Reifen und Reflektoren umbauen und fertig war das neue Vorderrad.

Das Berliner Tor in Wesel

Drei Stunden Zeitverlust - das heutige Tagesziel, Nijmwegen konnte ich mir abschminken. Ein kurzer Schlenker durch Wesels Innenstadt und dann raus über die Niederrheinbrücke Richtung Osten. Sie wurde nach dem Krieg neben den völlig zerstörten Brücken errichtet. Wesel war durch die Bombardements im Krieg völlig zerstört worden. An den meisten Stellen strahlt den Besucher die hastige Architektur der fünfziger und sechziger Jahre an.

Die Niederrheinbrücke bei Wesel - im Vordergrund die Reste einer alten Eisenbahnbrücke

Bis Xanten habe ich es geschafft - dann suchte ich mir einen Platz für's Zelt. Es sollte 'Campingplatz und Gaststätte Bremer' werden. Eher ein Platz für Dauercamper mit angeschlossener Gaststätte in einem Waldgebiet an einer kleinen Durchgangsstraße gelegen. Die vorübergehenden Gäste schlagen ihr Lager auf einer Wiese am Waldrand auf der anderen Straßenseite auf - die befindet sich ein guten Stück vom eigentlichen Campingplatz entfernt. Die anderen Gäste haben den Weg zum Waschhaus mit dem Rad gemacht. Mein direkter Nachbar nutzte dafür ein Moped... Man sollte sich auch seinen eigenen Schatten mit bringen denn außer dem Wald gibt es da nichts was den Platz von der Sonne abschirmt.

Für eine Nacht war es jedenfalls okay - ich baute unter den neugierigen Blicken der Vögel am Waldrand mein Zelt auf...

Samstag 15.07.: Görsbach - Berga - Roßla - Sangerhausen

Heute habe ich die Gedenkstätte Dora besucht. Für elf Uhr war eine Führung angeboten in deren Rahmen man auch in den Stollen unter dem Berg kommen kann.
Auch wenn ich schon viel über diese unterirdische Produktionsstätte gehört habe, hat sich die Führung doch sehr gelohnt - es gab noch wesentlich mehr Wissenswertes zu erfahren…
Der oberirdische Tel des Lagers war nicht so geplant worden wie man das von den anderen Vernichtungslagern kennt. Die Baracken sind nach Bedarf mehr oder weniger improvisiert in das ansteigende Gelände des Tals gestellt, was einen Überblick über das Lager bzw eine effektive Bewachung durch die SS so gut wie unmöglich machte. Die Zahl der Zwangsarbeiter steig in den eineinhalb Jahren bis zum Kriegsende kontinuierlich bis auf 20.000 an. Die Menschen mußten im Berg an der Montage der V1 und V2, aber auch für die Produktion von Turbinen für Junkers schuften. Hierfür brauchte man Menschen die technische Qualifikationen aufwiesen. Sie wurden für die Aufgaben in den unterschiedliche Konzentrationslagern des Landes, teilweise auch von Werner von Braun persönlich, gemustert und nach Dora verlegt. Natürlich beschäftigte man auch Menschen ohne spezielle Qualifikationen, aber wer in der Produktion arbeitete, genoß eine bessere Behandlung, will heißen, das er Zugang zu Nahrung hatte die nicht so verdorben wie die der Anderen war und zusätzlich Dinge für sogenanntes ‚Lagergeld‘ kaufen konnte. Man konnte für das Geld in ein Kino gehen, wo deutsche Propagandafilme gezeigt wurden - wenig beliebt bei fast durchweg nicht-deutsch-sprachigen Häftlingen. Es bot sich auch die Möglichkeit in eine Lager-Bordell zu gehen. Man hatte die Idee das diese Möglichkeit die Arbeitsmoral verbessern würde. Die Frauen in diesem Bordell waren aus anderen Konzentrationslagern nach Dora verlegt und zu dieser Tätigkeit gezwungen worden.
Um Dora herum gab es noch zahlreiche weitere Lager, so das man sagen kann das sich quasi überall im Harz Einrichtungen befanden in denen sich Häftlinge befanden. Sie wurden, wie die Leute aus Dora auch, an die Firmen im Harz gegen kleines Geld vermietet. Durch den Krieg gab es Arbeitskräftemangel und diese Leute waren wesentlich billiger als es reguläre Angestellte jemals hätten sein können.
Eine Flucht aus diesen Lagern war quasi sinnlos. Die Bevölkerung im Harz erkannte einen entflohenen Häftling sofort und lieferte ihn in den meisten Fällen wieder bei den Lagern ab. Das Lagerwesen war eng mit der Zivilbevölkerung verwoben. In Dora zum Beispiel arbeiteten auch zivile Kräfte aus der Umgebung als reguläre Angestellte. Sie waren quasi die Vorgesetzten der Häftlinge und überboten sich teilweise in der Brutalität gegenüber diesen Menschen. Es gab zwar auch Hilfsbereitschaft von Seiten der Zivilarbeiter aber die Mehrheit zeichnete sich eben durch Brutalität und Gleichgültigkeit aus.
Die Arbeit in den Tunneln von Dora war natürlich darauf angelegt das die Häftlinge an Auszehrung sterben würden. Man kann durchaus sagen das die ‚Wunderwaffe V2‘ wesentlich mehr Menschen während der Produktion und Montage getötet hat als die flugfähigen Modelle durch Treffer töteten - nur knapp ein Viertel der der knapp 6000 produzierten Raketen waren überhaupt einsatzfähig.
Die Gedenkstätte selbst hat mehrfache didaktische Veränderungen erfahren. In den sechziger Jahren gab es bereits eine Ausstellung unter dem bezeichnenden Titel ‚Die Spur führt nach Bonn‘ - man hatte damals anscheinend kein gesteigertes Interesse daran, die Verwebung der Bevölkerung mit dem Lagerwesen zu beleuchten. Damals hatte man im ehemaligen Lager-Krematorium Wände entfernt um dort Material auszustellen.


Die Baracken des Lagers wurden an anderer Stelle als Notunterkünfte verwendet und teilweise wurden die Steinbauten geschliffen, so auch das Gefängnis (gegen den ausdrücklichen Willen der überlebenden Häftlinge)
Es wurden Bauten und Denkmäler errichtet die das Geschichtsverständnis der damaligen Zeit und Politik widerspiegeln und so diente der Appellplatz des Lagers auch als Bühne für militärische bzw. ideologische Inszenierungen. Diese Installtionen sind heute noch erhalten. Sie bieten eine guten Perspektive darauf wie man eine gemeinsame Geschite in einem geteilten Land interpretieren und nutzbar machen kann. In der Führung ist auch der Besuch des inzwischen wieder zugänglich gemachten Stollensystems im Berg enthalten. Nachdem wir im Sonnenschein an der Oberfläche gehört haben das die Häftlinge zu Beginn des Lagerbetriebs in dem Tunnelsystem ohne angemesene Bekleidung und Unterbringung leben und arbeiten mussten, bekamen wir nun während des knapp 40-minütigen Aufenthalts eine Idee davon wie unangenehm es in den Tunneln doch ist. Ein Großteil der Gruppe fröstelte in den feuchten Höhlen vor sich hin. So beeindruckend es auch ist, den in Stein gehauenen Wahnsinn aus nächster Nähe zu sehen, ich war froh, wieder an der Sonne zu sein.

Ich kann einen Besuch der Gedenkstätte durchweg empfehlen - sie vermittelt einen guten Eindruck darüber wie Ausbeutung und Vernichtungim industriellen Maßstab funktioniert.
Auf dem Weg aus Nordhausen präsentierte sich mir als Ort der interessanten Widersprüche. Als ich gestern in der Stadt ankam bin ich auf meiner Suche nach einer Sparkasse in ein Veganes Straßenfest geraten. Die Straße war dafür komplett gesperrt und es sah vom Publikum klischeehaft auch alles sehr nach vegan aus ;-)
Heute während der Führung war ein erheblicher Teil der Besucher aus den Niederlanden, Belgien und Dänemark, vermutet Ländern aus denen damals auch Zwangsarbeiter kamen. Unter den Besuchern die ohne Führung das Gelände frei erkundeten fielen mir Gruppen mit kahlrasierten Männern auf die martialische Tätovierungen mit teils eindeutigen politischen Aussagen zur Schau trugen - ich vermute, die haben die Gedenkstätte wohl eher individuell gedeutet. In Nordhausen habe ich noch schnell einen Netto aufgesucht um meine Vorräte zu ergänzen und bin in dem Laden in ein Rudel Dorfpunker geraten, was auf der Kreuzung vor dem Laden gleich wieder durch zwei vollrasierte Skinheads mit Runentätovierungen relativiert wurde. Keine Ahnung wie das alles zur Deckung kommen soll aber irgendwie scheint es ja zu gehen ohne das die Stadt in Flammen auf geht


Mein Weg sollte mich von Nordhausen aus über diverse Dörfer nach Sangerhausen führen, wo eine Bahnanlage vor sich in dämmert. Früher wurden hier Lokomotiven bereit gestellt die die Züge auf ihrem Weg durch den Harz Schieben halfen :Mit der Teiliung Deutschlands waren diese Bahnstrecken unterbrochen und das Bahnbetriebswerk hatte massive Überkapazitäten. Dort bin ich auch auf ein ehemaliges Freilichtkino getroffen - die Welt ist hier voll von vergessenen Zeugen der Zeit.


Ich habe meinen Weg über diesen Ort hinaus fortgesetzt - ich hoffte auf einen Campingplatz.
Der wollte aber nicht kommen, weswegen meine Reise heute mit Zelten In der Pampa endete.

Freitag 14.07.: Sülheyn - Werna - Wolfleben - Nordhausen

Mein Tag begann mit einem schönen Frühstück an den Resten des Lagerfeuers. Heute wird ein Drehteam in dem Erholungsheim Aufnahmen für eine Zombie-Film machen. Ich wollte nicht auf die Zombies warten und machte mich auf den Weg tiefer in den Wald.

Der Fahrweg der Grenzpatrouillie bzw. der alte Grenzverlauf


Dieses Mal führte mich mein Weg sklavisch nach den Google-Anleitungen. Das klappte trotz Misstrauen meinerseits verdammt gut. Ein Stück folgte ich dem alten Patroullienweg der Grenzsoldaten, sonst geschottertes Wirtschaftswegen für die Forstwirtschaft, die aber immer als Radwege ausgewiesen waren. Einziger Wermutstropfen: an Steigungen oder Gefällestrecken ist hier der Schotter so ausgewaschen das sich in den Fahrspuren kleine Muränen aus lockeren Steinen bilden die das Fahren mit dem Rad zu einem Konzentrationsspiel machen. Wenn die Räder auf den lockeren Schotter gelangen rutschen sie unkontrolliert weg oder drehen durch. Mir blühte eine lange Gefällestrecke auf der ich mich umsichtig herunter Bremsen mußte um nicht die Kontrolle über das Rad zu verlieren. Als in unvermittelt vor meinem Ziel stand roch es verdächtig nach Bremsbacke…
Diesmal sollte es keine Kurklinik sondern eher ein richtiges Krankenhaus sein - vermutlich auch wieder für Lungenkranke. Hier fand sich eine Liegend-Anlieferung, ein OP-Bereich, Intensivstation, Isolationszimmer, Röntgen und Bestrahlungsbereich. Ich würde mal vermuten das man sich im Lauf der Nutzung dieses Gebäudes auf die Behandlung von Krebspatienten verlegt hat und wohl auch Chemotherapien angeboten hat. interessante Frage: wie wohl das Abwasser der Klinik entsorgt wurde. Vielleicht gibt es hier im Harz mal eine ganz andere Quelle für Bodenverseuchung…


Trotzdem der Bau Betondecken hat ist der Zustand bedenklich. Durch das Dach dringt Wasser in das Gebäude ein und der Frost wird mit Hilfe des Wasser das Gestein schon ordentlich mürbe gemacht haben, was eine Erforschung der oberen Stockwerke ausschloß.
Außerdem zeigen Sich Risse im Mauerwerk, die erkennen lassen das sich das Gebäude in unterschiedlichen Richtungen auf den Weg ins Tal machen will.


Schade das das Haus aufgegeben wurde - die Lage ist wirklich toll.
ab hier führte mich mein Weg weiter nach Nordhausen, wo ich das Werk bzw. die Gedenkstätte Dora besuchen möchte. Ich kam so in Nordhausen an das ich den Besuch auf den nächsten Tag verlegen mußte. Ich fuhr in den Ort und suchte mir eine Jugendherberge - es sollte die Rotleimmühle sein. Sie hatten dort so kurzfristig ein nettes Einzelzimmer zur Verfügung und ich konnte mein Rad sogar in einem Raum unterstellen -. Super!
Ich nutzte die Gelegenheit, die zahlreichen Bilder des Tages von der Karte herunter zu laden und zu sortieren.Dabei sollte ich eine herbe Überraschung erleben. Kurz nach dem Erkennen der Bilder stürzte die Karte ab und präsentierte sich als völlig leer - toll!
Da durfte ich jetzt also meinen Abend mit einer Datenrekonstruktion verbringen. E ist übrigens die dritte Transcend-Karte in meinem Besitz die mich mit einem solchem Feature zu bezaubern versucht. Ich sollte mein Kaufverhalten verändern…
Mit Hilfe der Kommandozeilen-Tools Testdisk und PhotoRec gelang es auf der Karte eine Dateistruktur zu etablieren und eine Scan nach Bilddateien durchzuführen. Nach Zwei Stunden gespannten Wartens waren die Bilder von heute alle entdeckt und ausgelesen - und noch ein paar Generationen von Bildern davor - das Programm ist halt gründlich.

Retter in der Not: PhotoRec - das freie und sehr zuverlässige Tool für die Kommandozeile


Schade eigentlich - ich hätte meinen Abend lieber anders verbracht, aber dieses Problem hat mir keine Ruhe gelassen. Immerhin ist es damit gelungen alle 1500 Aufnahmen zu retten - und knapp fünf Zyklen früher aufgenommener Fotos

 

Donnerstag, 13.07.: Elend - Sorge

Die Nacht war wild und feucht - zum Glück alles außerhalb des Zelts. Der Wind war so heftig das sich das Zelt ein paar mal auf mich runter gedrückt hat. Morgens war das Unwetter vorbei und die Sonne machte Astalten durch die Wolken zu kommen.
Ich packte meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg nach Schierke. Der Campinglatz liegt an einem früheren Grenzübergang oben auf dem Berg. Nach Elend geht es von hier aus bergab - also, die Straße entlang mit über 50 Sachen den Berg runter gebrettert - gut. das ich diesen Weg nicht hoch gefahren bin. Die mir entgegen komenden Radler sahen doch sehr verzweifelt aus - sonst ja eher meine Rolle…
In Sorge gibt es ein Grenz-Freilichtmuseum. Dort kann man einen erhaltenen Teil der Grenzbefestigung besichtigen und erlaufen. Das macht einem die Größe des zu überwindenden Abschnitts bewusst. Übrigens ist der rostfreie Streckmetall-Maschendraht der für den Grenzzaun verwendet wurde ein westdeutsches Produkt das die DDR seinerzeit mit dem Umweg über Schweden als Zwischenhändler gekauft hat. …die einen haben keine Absicht eine Mauer zu bauen und die anderen wollten nie dabei mit helfen - wir haben schon eine komische Vergangenheit.
Wer die kanpp 1,5 km Grenzzone überwinden konnte hatte jedenfalls übermenschlich viel Glück - die meisten starben dabei.


Meine nette Navigationshilfe meinte, ich solle von da ab einfach dem Weg entlang des Grenzzauns folgen - der schien mir aber so überhaupt nicht Fahrrad-geeignet, wewegen ich doch lieber der Straße durch Sorge zu meinem nächsten Ziel folgte. So kam ich am Bahnhof im Ort an dem kleinen Grenzmuseum vorbei, in dem ein sehr beredter und engagierter Mensch viel Wissenswertes über die Zeit der deutschen Teilung erzählte. Außerdem fand sich eine reizende 20%-Steigung die ich hätte vermeiden können wenn ich auf mein Garmin gehört hätte - als der ursprünglich vorgeschlagene Weg mit meiner Route zusammen lief sah er jedenfalls sehr schön und gut fahrbar aus…
Über teilweise geteerte Wirtschaftswege ging es weiter zu meinem heutigen Tagesziel - des Johanniter-Sanatorium. Als ich an dem Gelände ankam konnte ich feststellen das es eingezäunt war und man sich per Hupe oder Anruf melden solle wenn man als Fotograf rein wolle. Ich war drauf und dran wieder weg zu fahren - dann hat mich aber doch die Neugier gepackt und ich habe die Telefonnummer am Tor angerufen - und einen Anrufbeantworter voll gequatscht. Ich sagte das ich noch eine am Tor herumlungern würde und mich über einen Rückruf freue.
Egal was nun dabei raus kommt - ich verschlechtere mich ja nicht.
Ich hatte gleich in mehrfacher Hinsicht Glück. En mal meldete sich sehr schnell jemand zurück und ich durfte tatsächlich auf das Gelände. Mir wurde das Tor vom Pächter des Geländes aufgemacht, der mich aber auch quasi sofort erst mal mit der Hausordnung vertraut machte. Ich musste mich auch erst mal mit meinem Namen und Kontaktdaten in eine Liste eintragen - falls es sich im Nachhinein herausstellen sollte das ich Probleme machen würde. Dann bekam ich eine Einweisung in das Gebäude und die Regeln wenn ich drinnen herumlaufen wolle. Ich bekam alle Etagen gezeigt und die Markierungen die Räume und Bereiche kennzeichneten in die ich wegen bedenklichem Bauzustand nicht hinein gehen sollte. Außerdem bekam ich Tipps, was ich mir unbedingt ansehen sollte und von wo aus man tolle Blickwinkel auf das Haus hätte. Nach der Kurzführung durfte ich mich in und um das ehemalige Kurheim frei bewegen.
Für mich ein Erlebnis der unerwarteten Art. Sonst, wenn ich in ein Gebäude gehe, bin ich immer sehr aufmerksam auf Geräusche und Tragfähigkeit von Strukturen, nie wissend, wo sich eigentlich ‚gute‘ Szenerien zeigen werden. Und natürlich immer darauf lauschend ob jemand sich den Gebäude nähert oder im Gebäude ist.
Dieses mal konnte ich ich ganz aufs Fotografieren konzentrieren und in Ruhe das verbleibende Tageslicht ausnutzen.
Es boten sich tolle Einstellungen. Schade nur, das aus dem Haus schon alles entfernt ist was man von der Ausstattung gebrauchen konnte. Selbst das Parkett war teilweise schon geklaut worden. Es hatte in dem Haus aus mehrfach Brandstiftungen gegeben was dem Dach sehr zugesetzt hat. Es ist an vielen Stellen undicht und das Gebälk ist teilweise eingebrochen.
Das Haus hat eine Wechselvolle Geschichte. Ursprünglich als Kurklinik für Lungenkranke - hauptsächlich Tuberkolose - startete das Haus Anfang des letzten Jahrhundertsals Einrichtung für Frauen. Später kam auch noch ein Haus für Männer dazu. Die Johanniter hatten sich beim bau nicht knickrig gezeigt. Die Großzügigkeit und Solidität der Architektur spricht Bände. Der Betrieb des Kurheims war allerdings mit Errichtung der Deutschen Grenze vorbei. Das Gebäude befand sich auf Ostdeutscher Seite im Sperrgebiet und die Johanniter wurden gezwungen des Bau aufzugeben.
Nach einer kurzen Zeit ohne Funktion wurde das Haus dann in ein ‚Erholungsheim‘ für Parteimitglieder umgewandelt. Der Verteidigungsminister der DDR hatte im ehemaligen Männertrakt sogar eine eigene Wohnung und reiste mit dem Helikopter an. Betrieben und umgebaut wurde das Haus durch die NVA und so mancher ‚Bonze‘ fand sich hier mit einer angedichteten Erkrankung zur ‚Genesung‘ ein. Anscheinend hatte man bei denen nicht die Angst das sie über die Grenze flüchten würden…


Das in dem Haus irgendwie besondere Gäste gewesen sein mussten kann man auch an kleinen Details erkennen. Beispielsweise ist die ehemalige Kapelle des Hauses in einen Kinosaal umgebaut worden. Der Vorführraum dort war offensichtlich für 36mm Kinofilm ausgerüstet gewesen. Es gibt dort Projektionsfenster für zwei Projektoren und einen Aufbewahrungsregal in das von der Größe genau die Akte eines Kinofilms passten. eine solche Ausstattung konnte nur von geschultem Personal bedient werden.
Die mobilen Kinovorführer der DDR hatten normalerweise Filme auf 16mm Schmalfilm und einen entsprechenden Projektor. Ein Kinofilm hatte bei einem solchen Setting immer mindestens eine Pinkelpause weil die Vorführung für den Rollenwechsel unterbrochen werden musste.
Der Kinosaal hier hatte eine vollwertige Ausstattung für ein offensichtlich elitäres, aber kleines Publikum…
Nach dem Mauerfall versank das Gebäude im Dornröschenschlaf, nur unterbrochen von Metalldieben und Vandalen.
Ob der aktuelle Besitzer hier den Traum von einem Luxushotel noch verwirklichen können wird, sei mal dahin gestellt. Der Pächter bietet kontrollierten Zugang zu dem Bau, was Fotografen und Filmteams zu schätzen wissen. Mehr kann man mit der Bude vermutlich nicht mehr anstellen.
Als ich mit meinen Aufnahmen fertig war hatte es schon halb sechs. Ich fragte den Pächter nach einen Campingplatz auf meiner Route - es sollte da keinen geben. Er bot mir an, ich könne doch die Nacht auf dem Heuboden verbringen und mit ihm und seinen Gästen am Lagerfeuer zu Abend Essen.
Das war ne echte Überraschung. Ich bekam ein trockenes Plätzchen auf Stohballen und sogar eine Steckdose für die Nacht. Und einen schönen Abend mit interessanten Leuten och dazu. Es sollte fast Mitternacht sein als ich das Lagerfeuer verließ um mich Schlafen zu legen

Mittwoch, 12.07.: Braunlage - Elend - Schierke

Mir ist heute ein früher Start gelungen - um acht Uhr bin ich schon vom Platz gerollt. Heute Mittag sollte es anfangen zu regnen und stürmisch werden. Heute wollte ich mir Schierke ansehen - eine Stadt die aufgrund ihrer Bauten von einer wohlhabenden Vergangenheit erzählen, aber auch gleichzeitig von der Stagnation zeugen kann.
Im Harz liegen die Orte immer in den Tälern - so ging es von Braunlage nach Elend erst mal über eine Berg - so richtig rund wollte das noch nicht mit mir und dem Rad laufen, aber ich bin gut angekommen.

In Elend wurde ich von einer Frau angesprochen als ich angesichts der Steigung am Ortsausgang ein kleines Päuschen machte. Ich könne doch einen Radweg durch das Elendstal fahren - der würde viele der Steigungen vermeiden die mir die Straße noch zu bieten hätte. Solche Tipps bekommt man gern. Also bin ich zurück gefhren und in den Weg eingebogen (den mir übrigens auch die Navigation angeboten hatte, aber seit letztens hege ich da ja gewisses Misstrauen…)
Im Elendstal folgt der Weg einem Bach der sich seinen Weg durch ein Bett aus großen Granitsteinen bahnt - tolles Fotomotiv…


In Schierke angekommen hatte es auch angefangen zu regnen - viel zur früh! Anscheinend haben die Wolken den Wetterbericht nicht mit bekommen. Ich habe mein Rad unter dem Vordach eines zur Zeit unbewirtschafteten Hauses geparkt und den Ort zu Fuss erkundet. Die Kirche und der Friedhof erzählen nicht von einer reichen Vergangenheit. Die Kirche ist klein, dunkel und karg. Auf dem Friedhof gibt es schlichte Gräber und neben der Kirche ein Denkmal für die Gefallenen des ersten Weltkriegs aus dem Ort. Es hat einen bizarr aus dem Stil gefallenen Abschlussstein - ob das wohl schon immer so war?


Ich bin in den Ort gekommen um leer stehende Pensionen und Unterkünfte zu finden - besonders suche ich nach einem FDGB-Erholungsheim.
So richtig wills nicht klappen. Nachdem ich mir ein Hotel näher angesehen hatte, das wenig bot habe ich in der aktuell recht verlassenen wirkenden Ortschaft einen Bäcker gefunden bei dem ich einen Kaffee und ein Stück Kuchen bekam.
Auf gut Glück fragte ich die Beschäftigten nach dem Erholungsheim. Eine der Beiden konnte sich an einen Kunden erinnern der davon erzählt hatte beim Erholungsheim gewesen zu sein. es müsse irgendwo in ‚der Richtung‘ sein - sie zeigte mit dem Arm.
Ich freute mich über die Auskunft und wanderte tapfer in die angegebene Richtung. Es sollte die Straße auf den Brocken sein. Immer Ausschau nach einem alten, großen Gebäude haltend bewunderte ich die Landschaft. Es hat schon etwas Bizarres wenn ein Wald zwischen Geröll herauswächst dessen steine teilweise so groß sind wie Kleinwagen. Tolle, Moos bewachsene Formationen. Ich wanderte immer weiter den Berg hinauf, aber ein baufälliges Erholungsheim gab’s nicht.

Ich entschloss einem Wanderweg zu folgen der zurück nach Schierke führte, konnte noch mehr Granitbrocken mit Moss drauf bewundern und kam desillusioniert und bis auf die Knochen durchnässt in den Ort zurück.
Ich habe mein Erholungsheim dann doch noch gefunden - es klebte am Berg direkt oberhalb von dem Haus wo mein Rad geparkt war! Ich hätte mich nach meinem Besuch der Kirche einfach mal umdrehen sollen. dann hätte ich es direkt gesehen - es hat sogar eine Leuchtreklame mit großen Buchstaben an der Front als wolle es nach mir rufen - geleuchtet haben die Buchstaben natürlich nicht. Gut das der Tag noch recht jung und ausreichend Tageslicht für einen Besuch übrig war.
Also, für einen Beusch von dem was von dem FDGB-Erholungsheim noch übrig war. Das eigentlich verspielt-imposante Gebäude hat seit seiner Schließung wenig Glück gehabt.

Anscheinend hat es mindestens einmal in dem Gebäude ordentlich gebrannt und das Dach hat so viele Undichtigkeiten das bei dem Regenwetter quasi von allen Decken Wasser heruntertropfte - und das bereits im Erdgeschoss. Eine umfassende Erkundung des Hauses habe ich wegen fragwürdiger Tragfähigkeit der Struktur unterlassen. Außerdem hörte ich mit einem mal das noch andere Leute in dem Bau unterwegs waren. Ich hatte keine Lust, denen zu begegnen oder gar Zeuge davon zu werden das sie irgendwo in dem Bau durchbrechen, so wie sie polterten.
Ich hatte genügend Motive und große Lust mein Zelt aufzuschlagen und mich in meinen hoffentlich trockenen Schlafsack zu kuscheln. Einen Kilometer außerhalb vom Ort gibt es einen Campingplatz (natürlich oberhalb vom Ort!). Dort bin ich in strömendem Regen hin gestrampelt. habe eingecheckt, mein Zelt so schnell es ging aufgeschlagen und meine Sachen so trocken es ging da rein geworfen. Beim Aufpoppen des Zelts kommt mir aus den Falten eine missmutig gelaunte Motte entgegen geflattert - die hatte ich wohl heute Morgen mit eingepackt. Als sie in den Regen gerät dreht sie sofort um und fliegt ins Zelt zurück…
Heute ist es sehr windig - da gibt es auch mal vier Erdhaken für die Ecken. Es gibt noch ein paar Zelte mehr auf dem Platz, sie wirken aber verlassen - ich treffe die Bewohner alle im Aufenthaltsraum beim Sanitärgebäude zusammengedrängt - gemütlich ist es heute da…
Ich habe mich erst mal eine halbe Stunde unter die heiße Dusche gestellt und anschließend den Sanitärbereich mit meinen nassen Sachen zum Trocknen dekoriert - der Flur und der Aufenthaltsraum war schon von den Anderen mit ihren nassen Klamotten belegt worden. Ich habe noch ein bisschen Strom um meinen Tag zu schreiben und die Bilder zu sortieren. internet gibt’s hier nicht und Mobilnetz erst recht nicht - das mit dem ‚Online‘ kommt dann wohl eher demnächst…
Während ich in meinem Zelt liege prasselt das Wasser ununterbrochen herunter und der Wind drückt das Zelt aus unterschiedlichen Richtungen zu Boden - heute geht’s heftig zu! Eva schickt mit eine SMS in der sie mich auf das noch zu erwartende Wetter der Nacht und die ungewöhnliche Kälte aufmerksam macht - ich zieh mich mal dicker an…

Dienstag 11.07. Osterode - Herzberg - Bad Lauterberg - Braunlage

Die Nacht hat es noch schön weiter geregnet. Morgens habe ich meine irgendwie klammen Sachen zusammengepackt und gehofft das über den Tag die von gestern noch nassen Bekleidungsstücke malerisch auf das Fahrrad drapiert damit sie im Lauf des Tagen trocknen. Es sieht heute nach schönem Wetter aus.

Beim Beladen des Rades stelle ich fest das eine der Schrauben, die den hinteren Stoßdämpfer halten, gebrochen ist. Das dürfte eine Nachwehe von Gestern auf dem Wasserweg sein. Die Hopserei auf den Baumwurzeln dürfte ihr den Rest gegeben haben.
Da ich ja offensichtlich gestern schon mit der gebrochenen Schraube noch durch die Gegend gefahren bin, kann ich es zumindest für ein kurzes Stückchen auch heute noch wagen. Beim Aufbrechen lasse ich mir von einem Mitarbeiter des Platzes den Weg zum nächsten Baumarkt beschreiben. Auf dem Weg treffe ich auf einen Fahrradgeschäft mit angeschlossener Werkstatt - also versuche ich es erst mal da. Was soll ich sagen? ‚Fahrrad Müller‘, das musste ja klappen. Auch wenn der Betreiber bei dem Wort ’Liegerad’ lange Zähne bekam, suchte er tapfer eine Schraube für mich raus die auch richtig gut passt. Nach kurzer Zeit konnte ich mit einer richtig gut federnden Hinterrad-Gabel weiter fahren.

Bei der nächsten Tanke habe ich den Reifen noch mal neuen Luftdruck spendiert - heute soll das Rad richtig gut rollen.
Erwartungsgemäß ging es wieder fast ununterbrochen bergauf - mal mehr, mal weniger, aber immer bergauf.
Die Gegend veränderte sich zunehmend in Zonenrandgebiet. Trotzdem die Wende schon lange vorbei ist stahlen die Orte das immer noch aus. es gibt viel Geschäfts- und Wohnungsleerstand.
In einem Ort hinter Herzberg habe ich Rast auf einer Bank gemacht. Die stand vor einem Haus in dem ein Heizungsmonteur sein Geschäft hat.

...mal ne Pause machen

Mit dem Mann bin ich ins Gespräch gekommen. Er erzählte mir das er als junger Mann auch viel mit dem Rad gefahren sei. 1954 währe er mit einem Freund zusammen bis zur Ostsee und zurück geradelt. Auf dem Rückweg hätten sie oft nichts zu trinken gehabt. der Sommer war damals so heiss das die Bauern auf der Strecke kein Wasser mehr in ihren Brunnen hatten. Gut, das meine Probleme heute etwas überschaubarer sind.
Weiter ging es durch den Kurort Bad Lauterberg, der schon mal bessere Zeiten gesehen hatte. In dem Ort gibt es viele Hotels die von den Ausmaßen her auf eine große Vergangenheit schließen lassen, aber leer stehen. Das Kurhotel selbst ist noch in Betrieb und es sind auch Kurgäste im Park unterwegs. Geschäftsleerstand können sie hier auch ziemlich gut.
Dann ging es an der Ockertalsperre vorbei - sie ist für eine Talsperre ungewöhnlich leer. Ob das daran liegt das an der Talsperre zur Zeit renoviert wird oder das es wenig Regenfälle gab, weiss ich nicht zu sagen. Der Wasserstand ist jedenfalls so niedrig das man Bauten sehen kann die sonst im Wasser verborgen sind. Leider konnte ich davon keine Fotos machen - auf der Straße die ich befuhr war zu viel Verkehr so das ich nicht gefahrlos hätte anhalten können.


Am Oderhaus habe ich noch mal eine Pause gemacht - hier heisst alles irgendwie mit ‚Oder‘. Es war eine Illusion, anzunehmen das ich so dann beschwingt den Berg hoch radeln könne. Meine Beine fandens doof. Ich hatte richtig Glück das auf der Länge der Steigung einer der drei Spuren wegen Randbeschädigungen abgesperrt war. Der Fahrer eines Baufahrzeugs riet mir, ich solle den Berg in der Baustelle hoch fahren, da sie mir auf den offenen Spuren nur den Arsch abfahren würden. Das war zwar auch meine Idee gewesen, aber wirklich nett, das mal einer so initiativ mit denkt. So habe ich mich dann etappenweise die Steigung hoch gekurbelt und fühlte mich irgendwie an den Weg zur Kaysereiche erinnert. Die zu überwindende Höhe war etwa dieselbe. Oben angekommen sollteich auf 560 Metern sein. Nurt ging es auf dem Untergrund wesentlich schneller. Auf dem Berg winkte der Naturpark Hochharz mit tollen Wandermöglichkeiten, aber auch mit dem Campingplatz Braunlage, der mir in meinem Zustand genau richtig kam.
Ein sehr schön, terrassenartig in ein Tal angelegter Platz mit schön gemähter Wiese. Alle Plätze sind eben und die Sanitär-Baracke hat mich echt beeindruckt. Von außen sieht das Gebäude ja irgendwie aus wie von vor 50 Jahren, aber innen ist alles neu renoviert, geschmackvoll und sauber. Zum Duschen braucht man keine Marken oder Münzen und es gibt neben den Santäreinrichtungen auch einen Raum mit Wasch- und Kochgelegenheiten. Ich habe dort mal den Wäschetrockner ausprobiert. Meine Sachen sind heut nicht trocken geworden und morgen soll es wieder regnen. Da ist es besser, wenn morgens gleich alles trocken in der Tasche ist.
Der Campingplatz ist übrigens ganzjährig offen, Hunde sind explizit gern gesehene Gäste, was darin gipfelt das an der Rezeption sogar ein Spender für Kackbeutel ist.


Ich habe für diese Nacht einen Platz ein einem murmelnden Bächlein - und mein Rad hat endlich auch einen Ständer bekommen - warum ich nicht schon eher auf die Zweitverwendung für das Stativ gekommen bin, weiss ich nicht.

Dinge, die man auch mit einem Stativ tun kann...

Montag 10.07. - wie ich es gerade mal bis Osterode schaffte….

In der Nacht hat es geregnet - es ist schön in einem Zelt zu liegen und dem Geräusch der Wassertropfen zu lauschen. Als ich Morgens wach wurde war das Wetter trocken und mir gelang der auf dieser Reise erste, ziemlich koordinierte Aufbruch in den Tag. So schnell war das Rad noch nie mit Taschen behangen und Abreisefertig.
Nach den Erfahrungen von Gestern habe ich mir vor genommen, den Weg nach Braunlage nach Straße zu fahren.
nach kurzer Zeit traf ich auf einen künstlichen Damm der Wasser führte - der Sperberhaier Damm war vor gut 300 Jahrenunter enormen Anstrengungen angelegt worden um das Wasser zu den Gruben im Bereich Clausthal zu führen.

Eigentlich hätte ich entlang dieses Damms meine Strecke fortsetzen können und so die Fahrt durch die Senke vermeiden können, der die Straße folgte. Aber machmal hat man eben ein Brett vor dem Kopf. Als ich am anderen Ende der Senke angekommen war meinten meine Beine jedenfalls das das eigentlich erst mal genug gewesen sei - also kurz Verschnaufen.
Wie aus dem Nichts war da plötzlich dieser Mensch mit dem VW-Bus der auf dem Parkplatz nah bei hielt um mich in ein Gespräch über Liegeräder zu verwickeln. er hatte in dem Wagen ein Dreirad mit Elektrounterstützung das er sich zum Testen übers Wochenende ausgeliehen hatte.
Er erzählte mir davon das man diesem Wasserlauf quasi ohne Steigungen bis kurz vor mein Tagesziel folgen könne. Er selbst sei am Wochenende Abschnitte dieses Weges gefahren und es sei toll gewesen. Mit meinem Rad sei das sicher noch einfacher als mit einem Dreirad. Schließlich bräuchte ich keine so breiten Spur. Das hat mich überzeugt. Ich machte mich also daran, diesem Weg zu folgen.
Er ist in der Tat eben, aber in dem Abschnitt den ich befuhr wimmelt es von Steinen und Baumwurzeln die es mit dem Rad zu überwinden gilt. Insbesondere die Baumwurzeln sind tückisch. Von Feuchtigkeit glitschig rutscht auf ihnen das Rad zur Seite weg ohne das man das kontrollieren könnte. Auf der einen Seite ist der Wasserlauf, auf der anderen der Abhang - schon eine spannende Sache mit einem voll beladenen Rad. Aber Landschaftlich war’s echt ne Wucht - und allemal schneller als die Trauma-Steigung von Vorgestern. Doof nur, das der Traum vom ebenen fahren ein par Kilometer später vorbei war - da hatte jemand ein paar Treppen eingebaut - da hatte ich irgendwie keine Lust mehr auf holprigen Baumwurzelweg.


Ich durchforstete die Karte nach meinen Optionen. Viele gab es nicht. So folgte ich dem am besten befahrbaren Weg ins Tal - wohl wissend das ich das alles wieder hoch fahren muss.
Auch dem Weg nach unten fing es an zu Schütten - und es wollte auch nicht mehr damit aufhören. Im schönsten Regen kam ich in Osterode an und sah dort einen Hinweis auf den Campingplatz Eulenburg - der sollte es sein!
Im Strömenden Regen das Zelt aufgebaut und die Taschen in die Ecken geworfen. irgendwie ist es mir gelungen die Isomatte und den anderen Kram so in das Zelt zu bekommen das es nicht nass wurde. Ich selbst habe mich den restlichen Nachmittag in die Restauration des Campingplatzes gesetzt, den Blog aufgeräumt und Sozialstudien bei der Campingplatzbesatzung angestellt während ein Schauer nach dem anderen runter ging. Sie haben auf dem Platz einen Freifunk-Zugang der zwar erwartungsgemäß nicht schnell ist,dafür aber zuverlässiger funzt als der Funk in Prahljust. Dort gibt einen Hotsplotz-Zugang, der so gut wie keinen Upload ermöglicht.

Sonntag, 09.07.: Clausthal-Zellerfeld und die Tanne

Als ich auf dem Platz ‚Oberste Innerste‘ meine Sachen zusammen packte lag der Ort noch weitgehend im Tiefschlaf. Ich habe es heute zwar nicht weit aber mir winkt das erste Foto-Ziel. Also möchte ich keine Zeit verlieren. Zur Sicherheit noch mal frisches Wasser gefasst und los gestrampelt.

Nicht weit von dem Platz kam ich an einem ‚Christlichen Zentrum‘ vorbei - hier haben sich die Evangelikalen in einem ziemlich stattlichen Gebäude eingenistet. Interessanterweise steht oben an der Landstraße nur noch der hinweis auf die ‚Flambacher Mühle‘ und nicht etwa der zu einem ‚Christlichen Zentrum‘. Von jedem gefunden werden möchte man dann doch nicht.
Nach 20 Minuten war ich in Clausthal-Zellerfeld angekommen. Gestern Abend fühlte sich das noch unendlich weit an. Das Ziel des Tages heisst ‚Sprengstoff-Fabrik Tanne‘
Man hatte diese Produktionsstätte in aller Heimlichkeit im Vorfeld des zweiten Weltkriegs im Harz angelegt. Die Gebäude der Fabrik haben Dächer die die Gebäudestruktur verschleiern und sind zudem noch bewachsen, so das man sie mit der Technik der damaligen Luftaufnahmen nicht hätte sehen können. Der Ort war nicht zufällig gewählt. Der Harz war mit den damaligen Bombern für die Alliierten nicht zu erreichen gewesen, genauer: die Flugzeuge hätten nach der Bombardierung eines Ziels im Harz nicht genug Sprit gehabt um wieder zurück zu fliegen.
Die Produktion an Sprengstoff war enorm und die Arbeitstaktung für die Zwangsarbeiter hoch. So kam es hier zu einer verheerenden Explosion die mehrere Gebäude schwer beschädigte. Mit dem Näherrücken der Front an Deutschland wurde gegen Ende des Krieges die Fabrik dann doch bombardiert.